Ein Plädoyer für Weihnachten in der Filterblase

Unserem Kolumnisten Johnny Haeusler ist in diesem Jahr so kurz vor Weihnachten ganz nostalgisch zumute. Darum nutzt er die Feiertage, um sich an die spaßigen Zeiten des Internets zu erinnern. Mit denen, die ganz ähnlich ticken.

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Unserem Kolumnisten Johnny Haeusler ist in diesem Jahr so kurz vor Weihnachten ganz nostalgisch zumute. Darum nutzt er die Feiertage, um sich an die spaßigen Zeiten des Internets zu erinnern. Mit denen, die ganz ähnlich ticken.

Ich mach’s mir über die Feiertage schön gemütlich. In meiner Filterblase.

Jahrelang haben wir uns gegenseitig vorgeworfen, nur einen sehr eingeschränkten Blick auf die Welt zu haben und nur einen Bruchteil der möglichen Wahrheiten zu kennen, solange wir in unserer Filterblase verharren. Also dort, wo Menschen sowieso ähnlich denken, leben und twittern wie wir selbst.

Die geteilte Freude und Entrüstung, der gemeinsame Spaß und Witz, die einhellige Meinung zur neuen Netflix-Show: Alles nur eine Farce, weil wir ja gar nichts wissen über die Serien der Anderen.

Seitdem erweitern wir geläutert und auf der Suche nach dem wahren Leben unseren digitalen Bekanntenkreis auch um die, die wir gar nicht kennen wollen, hören auch mal jemandem zu, der davon überzeugt ist, dass die Erde eine Scheibe ist, lassen uns von „Hobby: SEO“ in einem Profil nicht mehr abschrecken und folgen sogar FDP-Accounts. Und mit Nazis reden sollen wir jetzt auch noch.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es  an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

Ohne mich, Freunde, nicht dieses Jahr zur Weihnachtszeit. Ist ja schließlich die Zeit der Besinnlichkeit.

Also werde ich mich besinnen auf die Zeiten, in denen das Internet etwas mehr Spaß gemacht hat. Weil man nicht jeden Witz erklären musste, sich nicht für jeden schnell rausgehauenen und nur halb ernst gemeinten Spruch vor dem virtuellen Gerichtshof verantworten musste. Weil nicht jede und jeder alles kommentieren und zu allem seine Meinung kundtun musste, vor allem aber, weil ich nicht jede dieser Meinungen lesen musste, weil sie mir jemand anderes, der nun aber echt völlig anderer Meinung war, ungefragt in meinen Stream donnerte. Ich werde mich besinnen auf die Zeiten, in denen mich das Internet durch seine unendliche Vielfalt und Kreativität inspiriert und motiviert hat, statt mir den Glauben an das Gute im Menschen abzugewöhnen.

Ich werde es mir in meiner Filterblase so richtig schön gemütlich machen, werde mich von all jenen Facebook-Kontakten trennen, die mir zum achtzehnten Mal irgendwelches Britain’s Got Talent–Gejaule in die Timeline hauen, nichts für Ungut, nicht persönlich nehmen. Ich werde zwischendurch mal ein paar Twitter-Accounts entfolgen, die mir zu monothematisch erscheinen, oder einfach nur so, weil ich mich einfach nicht daran erinnern kann, was uns mal verband. Oder ob uns überhaupt jemals etwas verband.

Ich lebe gerne in meiner Filterblase.

Und dann klicke ich mich durch ein spannende Artikel und Texte, schaue mich auf Design-, oder Typografie-Websites um, lade mir ein paar tolle Ebooks runter, spiele stundenlang Videogames oder schaue mir zum zehnten Mal diesen sensationellen Clash-Gig auf YouTube an. Und ganz vielleicht schreibe ich auch mal wieder etwas in mein Blog. Wenn ich Bock habe.

Es ist nämlich so: Ich lebe gerne in meiner Filterblase. Ich gehe ja auch nur in Kneipen, in denen mir das Bier oder der Whisky schmecken. Ich höre auch nur Musik, die ich gerne höre, die mich interessiert. Ich umgebe mich am allerliebsten mit Menschen, die sich anständig benehmen können, meinen Humor halbwegs teilen und in Diskussionen Spaß an der gemeinsamen Suche nach Lösungen, Wahrheiten, Erkenntnissen, Austausch haben. Ich esse, was mir schmeckt und bekommt. Und warum sollte ich das alles im digitalen Leben nicht ganz genauso handhaben?