Jerusalem-Demo: “Hauptsache es ist Frieden”

Vor dem Berliner Hautbahnhof demonstrieren Palästinenser für ihr Land. Nur wenige hundert Meter feiern Juden ein Lichterfest, und warnen vor Antisemitismus.

“Hier, ein Geschenk von meinem Freund”, sagt ein junger Mann mit gegelten Locken grinsend und streckt mir eine palästinensische Flagge entgegen. Um seinen Kopf hat er
eine schwarzweißes Kufiya gewickelt, das Kopftuch gilt als Symbol pro-palästinensischer Aktivisten. Mit seinem Freund eilt er zum Washingtonplatz vor dem Berliner Hauptbahnhof. Rund 500 Menschen wollen dort gegen die Entscheidung Donald Trumps protestieren, Jerusalem als israelische
Hauptstadt anzuerkennen.

“Wir gehen zu jeder Palästina-Kundgebung”, sagt Muhammed, “wir müssen doch für unser Land kämpfen! Jerusalem gehört zu Palästina!” Kurz vor dem bereits lautstark skandierenden Pulk werden sie von zwei Polizisten angehalten. Sie wollen
sehen, welche Flaggen die Männer dabei haben. Keine Israelischen, also weiter. “Damit wir sie nicht verbrennen”, sagt Muhammed.

Wie er denn dazu stehe, dass überhaupt Israel-Flaggen verbrannt wurden? “Ach”, winkt er ab, “ich will die Flagge jeden Tag brennen
sehen. Eigentlich will ich das ganze Land brennen sehen.” Er lacht, und verschwindet mit seinem Kumpel im rot-schwarz-weiß-grünen Flaggenmeer.

Wegen Aussagen wie solcher lagen bereits vor der Kundgebung die Nerven auf allen Seiten blank. Es ist bereits die dritte pro-palästinensische Demo in Berlin, und
ursprünglich war sie, wie das jüdische Lichterfest Chanukka am Brandenburger Tor angemeldet. Dort befindet sich nämlich auch die US-Botschaft. Am Montag verkündete die Berliner Polizei dann, dass beide Veranstaltungen räumlich getrennt stattfinden sollen:
Die Chanukka-Feier bliebe am Brandenburger Tor, die Kundgebung werde auf dem Washingtonplatz am Hauptbahnhof verlagert.

Außerdem verhängte die Polizei wie schon bei einer Demonstration am Sonntag eine Auflage, die jegliches Verbrennen von Gegenständen verbietet, und
rückte mit 400 Einsatzkräften an. Darunter auch Dolmetscher, die Hassparolen identifizieren und verhindern sollten. Man wollte vorbereitet sein.

Auf dem Platz haben sich trotz Regen und Wind mehrere Hundert Menschen um einen weißen Lieferwagen versammelt: Schlaksige Typen, Mütter mit Kopftuch und Kinderwägen,
bärtige Männer und junge Frauen mit langen, offenen Haaren und knalligem Lippenstift. Die 16-jährige Taru zum Beispiel.

Über WhatsApp erhielt sie einen Kettenbrief mit dem Demoaufruf. Ihre Großeltern sind aus Palästina, ihre Eltern waren als Flüchtlinge im Libanon,
sie selbst in Deutschland geboren. “Wir wollen zeigen, dass das unser Land ist”, sagt sie aufgebracht, “und dass wir es eines Tages wieder erobern werden.” Sie wolle nicht, dass noch mehr Menschen sterben. “Israel und Palästina müssen ja keine guten Freunde
sein. Hauptsache es ist Frieden.”

Was Taru störe, sei auch die Berichterstattung: “Die deutschen Medien berichten nur schlecht über uns Palästinenser. Weil sie uns hassen.” Auch andere Protestteilnehmer fühlen sich missverstanden. Ein älterer Mann habe bei
der letzten Kundgebung nichts von einer israelischen Flagge mitbekommen und auch mit Juden habe er kein Problem.

In den Medien gehe es aber immer nur darum – “und nicht um das Unrecht, das uns angetan wird.” Auch seine Familie sei aus Palästina, der Großvater sei ermordet worden. “Israel besetzt unser
Land, nicht wir besetzen ihr Land. Wir wollen in Freiheit leben.” Nur darum sei er hier.