Pegida: “Ich wusste: Da brodelt etwas”

Zwei Jahre lang hat die Filmemacherin Sabine Michel drei Pegida-Anhänger intensiv begleitet – um zu verstehen, was diese antreibt. Das hat ihr Kritik eingebracht. Hier diskutiert die Regisseurin mit ihren Protagonisten

DIE ZEIT:
Frau Michel, Sie haben für Ihren Dokumentarfilm
Montags in Dresden
Pegida-Teilnehmer sehr persönlich porträtiert. Warum?

Sabine Michel:
Bei Pegida habe ich mich von Anfang an gefragt: Worum geht es da wirklich? Ich bin
gebürtige Dresdnerin, lebe aber schon seit 1990 nicht mehr in der Stadt. Ich wollte nicht
die Nächste sein, die auf Pegida-Demonstranten guckt und sagt: Die haben doch den Schuss
nicht gehört. Nein, ich wollte verstehen, was diese Menschen umtreibt.

ZEIT:
Frau Ban, Herr Jahn, Sie sind zwei von drei Protagonisten des Films. Mussten Sie überredet
werden mitzumachen?

Über keinen anderen Film wurde auf Leipzigs Dokfilm-Festival so diskutiert: Montags in Dresden von Grimme-Preisträgerin Sabine Michel feierte dort Premiere – und löste ein riesiges Echo aus. “Famoses Doku-Kino” (Sächsische Zeitung) oder “verharmlosend” (Welt)? In wenigen Monaten soll die Doku, die MDR und RBB mitfinanzierten, auch im Kino zu sehen sein.

Sabine Ban:
Nein, gar nicht. Ich habe nichts zu verbergen. Als wir mit den Dreharbeiten für den Film
begonnen haben, im Januar 2016, galt jeder von uns als doofer Nazi. Das bin ich nicht. Ich
pöble nicht, habe sachliche Argumente, bin alleinerziehende Mutter, pflege meinen Sohn, bin
mittlerweile wieder berufstätig als Büroassistentin. Ich sehe mich nicht als Abgehängte,
sondern als ganz normalen Menschen aus der Mittelschicht. Das wollte ich auch zeigen.

René Jahn:
Dresdens Image hat in den vergangenen Jahren extrem gelitten. Was ich mir erhoffte, war,
dass sich das vielleicht bessern könnte, wenn man ein realistischeres Bild von uns
zeichnet.

ZEIT:
Frau Michel, wie haben Sie die Leute, die Sie zwei Jahre lang begleiten wollten,
ausgewählt?

Michel:
Ich habe in den ersten Monaten viele Menschen bei Pegida getroffen, insgesamt etwa 50 – bis
ich mich für drei Protagonisten entschieden habe. Mich haben ihre Lebensläufe interessiert,
ihre Lebensumstände, ihre Familiengeschichten. Ich wollte tief in ihre Leben eintauchen,
auch mit zu ihren Eltern, Familien fahren. Ein guter Protagonist muss auch erzählen können
und einen berühren. Aber ich wollte keinen von ihnen in der Diskussion bekehren. Das wird ja
seit Jahren sehr aktiv versucht, das wollte ich nicht auch noch machen. Es braucht eine
andere Art der Auseinandersetzung.

ZEIT:
Der dritte Protagonist, von dem Sie sprechen, wollte bei diesem Interview, das wir hier
führen, nicht dabei sein, weil er schlechte Erfahrungen mit der Presse gemacht habe.

Michel:
Ja, das ist seine Entscheidung. Ich finde es wichtig, miteinander zu sprechen, sich dem
Diskurs eben gerade nicht zu verschließen. Aber gut, so ist es nun.

ZEIT:
Herr Jahn, Sie waren anfangs Teil des Pegida-Organisationsteams, ehe Sie sich dort
verabschiedet haben, weil Ihnen Lutz Bachmann zu radikal war. In den ersten Monaten sprach
keiner der Pegida-Gründer mit der Presse. Warum wollen Sie jetzt von sich erzählen?

Jahn:
Wir haben uns damals geärgert, dass die ersten Medienberichte über Pegida so falsch, so
einseitig waren. Wir wurden sofort als fremden- und islamfeindlich abgestempelt. Aber das
war gar nicht die Intention von Pegida, deshalb haben wir zunächst entschieden zu
schweigen.

ZEIT:
Was war denn die Intention?

Jahn:
Im Oktober 2014 gab es in Dresden eine Solidaritätskundgebung für die kurdische
Arbeiterpartei PKK. Das hat uns gestört. Wir waren der Meinung, dass Zuwanderer-Gruppen ihre
Probleme nicht bei uns austragen sollen, sondern zu Hause. Das war alles. Ich bin kein
Fremdenfeind – ich bin unter anderem mit Mosambikanern und mit Syrern befreundet, ich bin
weltoffen. Ich bin ein ganz normaler Mensch, arbeite als Hausmeister.

ZEIT:
Wieso gehen Sie dann zu Pegida?

Jahn:
Weil ich ein Zeichen setzen will gegen die etablierten Parteien, gegen die Politik im Land
– und weil ich der Meinung bin, dass über bestimmte Leute und deren Meinung einfach
hinweggegangen wird.

Ban:
Ich bin über Facebook auf Pegida gestoßen, habe das erst einmal beobachtet, mir das
Positionspapier angesehen, Stück für Stück. Und ich konnte jedem Punkt zustimmen: Gegen den
Stellenabbau bei der Polizei. Für die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen, aber auch für eine
Null-Toleranz-Politik gegenüber straffällig gewordenen Asylbewerbern. Ich fand das meiste
vernünftig, und es war differenziert, zum Beispiel das hier: “Gegen eine frauenfeindliche,
gewaltbetonte Ideologie, nicht gegen hier lebende, sich integrierende Muslime.” Deswegen
dachte ich: Da gehe ich mal hin.

ZEIT:
Wie, Frau Michel, haben Sie Herrn Jahn und Frau Ban während der Dreharbeiten erlebt?

Michel:
Ich habe ihnen anfangs gesagt, dass ich eher von der anderen Seite her komme, politisch
woanders stehe. Aber dass ich mir ein eigenes Bild machen will. Von dem Moment an habe ich
sie als offen erlebt. Sie haben mich mit zunehmendem Vertrauen in ihr Leben gelassen. Und
bei den Pegida-Demonstrationen selber habe ich von Anfang an eine seltsame Mischung
wahrgenommen: Da war eine große Härte und Aggressivität einerseits, ganz klar, aber auch
etwas ganz Warmes, beinahe Familiäres zwischen den Leuten. Das darf man ja nicht vergessen,
wie sehr diese Demonstranten sich zusammengeschweißt fühlen. Außerdem habe ich eine große
Sehnsucht nach Gesehenwerden gespürt, nach Ernstgenommenwerden. Die Härte nach außen
überdeckt das nur.

Ban:
Ja, diese familiäre Atmosphäre gibt es. Ich merke das an meinem Sohn, den ich regelmäßig
mit zu den Demos nehme, er hat schweren Autismus. Damit kann normalerweise nicht jeder
umgehen. Aber bei Pegida war das noch nie ein Problem. Da muss ich sagen: So schwer ist das
mit der Toleranz dort also nicht. Dennoch gehe ich nicht zu den Demos, um Freunde zu
treffen, sondern weil ich mich mit den Forderungen identifizieren kann und das zum Ausdruck
bringen möchte.