Richard Ferrand: “Es beunruhigt mich”

Richard Ferrand, Fraktionschef der französischen Regierungspartei La République en Marche, hofft auf weitere Jahre mit Angela Merkel.

DIE ZEIT:
Sind Sie von der Regierungskrise in Berlin überrascht?

Richard Ferrand:
Kulturell schon. Die Unbeugsamkeit galt bisher in Frankreich als Tugend, in Deutschland war
es der Kompromiss. Jetzt herrschen scheinbar umgekehrte Verhältnisse.

ZEIT:
Schockiert Sie das?

Ferrand:
Nein, aber es beunruhigt mich. Europa verlangt schnell nach Stabilität.

ZEIT:
Das wird Deutschland nicht liefern können.

Ferrand:
Deutschlands Stärke in Europa beruht auf seiner Wirtschaft und seiner Stabilität. Doch
momentan wirkt das Land geschwächt. Lassen wir den Deutschen Zeit! Es ist besser, sie kehren
ihre Meinungsverschiedenheiten jetzt nicht unter den Teppich.

ZEIT:
Wünschen Sie sich eine Rückkehr der SPD in die Regierung?

Ferrand:
Martin Schulz ist sich des europäischen Wunsches nach Stabilität sehr bewusst. Ich kann ihm
aber nicht sagen, wie er sich zu entscheiden hat. Ich vertraue dem Verantwortungsbewusstsein
der deutschen Politiker.

ZEIT:
Auch dem Verantwortungsbewusstsein der FDP?

Ferrand:
Ich sehe sehr große Meinungsverschiedenheiten zwischen der FDP und uns. Wir in Frankreich
hoffen auf ein Europa, das seine Bürger beschützt. Die Liberalen denken immer an den Markt.
Europa darf aber nicht nur Markt sein, sonst wird der Populismus immer stärker.

ZEIT:
Hoffen Sie, dass Merkel Kanzlerin bleibt?

Ferrand:
Der Präsident hat viel in die Beziehung zu Bundeskanzlerin Merkel investiert. Sie ist in
Frankreich beliebt, sie wird bei uns respektiert. Und man arbeitet lieber mit Leuten, die
man kennt.

ZEIT:
Welche Konsequenzen sollte die Kanzlerin aus der Krise in Deutschland ziehen?

Ferrand:
Das Signal des AfD-Erfolgs sollte sie und die anderen Parteien in Deutschland davon
überzeugen, dass es gerade jetzt eines starken Europas bedarf. Der Wettbewerb im
Niedriglohnsektor ist äußerst unfair, die Steuerparadiese der Reichen sind ein Desaster. Die
Menschen wenden sich von diesem Europa ab.

ZEIT:
Wie lässt sich der Trend stoppen?

Ferrand:
In Frankreich waren die etablierten Parteien intern zerstritten. Bei den Sozialisten gab es
Pro- und Anti-Europäer, bei den Republikanern auch. Also haben wir mit Emmanuel Macron den
Versuch unternommen, die alten Gräben zwischen links und rechts zu überwinden.

ZEIT:
In Frankreich hat das Mehrheitswahlrecht geholfen, die Populisten kleinzuhalten. Hat
Deutschland durch sein Verhältniswahlrecht einen Nachteil?

Ferrand:
Nein, ich schätze das deutsche Wahlrecht sehr. Man bekämpft den Populismus nicht mit dem
Wahlrecht, sondern indem man für ein dynamisches, tolerantes und soziales Land streitet.

ZEIT:
Ist Deutschland das noch?

Ferrand:
Aber ja! Ich bin kein Pessimist. Deutschland ist zudem ein Land mit viel Wachstum, aber,
davor warne ich: Es hat auch nicht wenig Armut. Siemens macht gerade Rekordgewinne und plant
Massenentlassungen. Das muss die Leute ja schockieren! Wir müssen aufpassen, dass unsere
soziale Marktwirtschaft auch wirklich sozial bleibt. Sonst produziert der Finanzkapitalismus
Ungerechtigkeiten, deren politische Folgen wir nicht in den Griff bekommen.

ZEIT:
Könnte Macrons Elan für Europa an der deutschen Krise ersticken?

Ferrand:
Für eine Antwort ist es noch zu früh. Aber wir dürfen keine Zeit verlieren. Trump und Putin
lassen uns keine andere Wahl. Wir haben einen dringenden Handlungsbedarf: bei weltweiten
Konflikten wie neuerdings im Libanon, beim Klima. Vor allem aber nimmt der Populismus in
Europa immer weiter zu. Deutsche und Franzosen tragen heute eine gemeinsame historische
Verantwortung.