Somaliland: Der Wahlkampf der Frauen

Bei den Wahlen in Somaliland ging es vor allem um den Ausbau der Demokratie. Parteipolitische Differenzen traten in den Hintergrund. Davon könnte Europa etwas lernen.

Um Punkt 18 Uhr wird am 13. November das Wahllokal Nr. 316-2 in
der Schule Sheek Madar in der Hauptstadt Hargeisa geschlossen. Die Bürger von
Somaliland haben gerade zum dritten Mal in der kurzen Geschichte des Landes,
das 1991 einseitig seine Unabhängigkeit von Somalia erklärt hat, einen neuen
Präsidenten gewählt. Ahmed Silanyo, der seit 2010 im Amt ist, war nicht mehr
angetreten, drei Kandidaten haben sich um seine Nachfolge beworben.

Zwei Polizisten und eine Polizistin stehen vor dem
Klassenzimmer. Drinnen werden Schulbänke gerückt. Die Wahlvorsteherin zählt in
einem blauen Schnellhefter nach, wie viele der eingetragenen Wähler ihre Stimme
abgegeben haben. 459 Wähler von 540, notiert sie in ihren Unterlagen.

Zwei Drittel der Wähler waren hier weiblich, schätzt die
Wahlvorsteherin, und auch der Wahlkampf wurde vor allem von Frauen getragen. Auf den Kundgebungen erschienen sie
zahlreich, gekleidet in den Farben der Parteien, deren Zahl die Verfassung
Somalilands aus Stabilitätsgründen auf drei beschränkt: Die Anhängerinnen der
Kulmiye-Partei ließen sich gelb-grüne Kleider schneidern, die Unterstützerinnen
von Waddani kamen in Orange, die Wählerinnen von Ucid in Dunkelgrün. Die
Basecaps, die eigentlich für die Männer gemacht worden waren, trugen sie einfach auf ihren Hidschabs. Bei den
Autokorsos setzten sie sich auf die heruntergekurbelten Fenster und ließen
sich, mit lautstarken Gesängen ihren Kandidaten unterstützend, durch die Stadt
kutschieren.

Die Frauen in Somaliland haben verstanden, dass Wahlen eine der
Stellschrauben sind, mit denen sie mehr Mitsprache in der Gesellschaft
erreichen können. An den Clanstrukturen, die seit Jahrhunderten vorsehen, dass
der Mann das Oberhaupt ist, lässt sich sobald nichts ändern. Im Islam, wie er
in Somaliland praktiziert wird, dürfen Frauen keine wesentliche Rolle spielen.
Aber der politische Prozess, der seit der Unabhängigkeit die Gratwanderung
zwischen Tradition und Moderne, zwischen patriarchalen Stämmen und
nationalstaatlich organisierter demokratischer Partizipation halbwegs
erfolgreich bewältigt, erlaubt ihnen doch, etwas zu bewirken.

In Somaliland haben vor allem drei Gruppen das Sagen: Die
Clanältesten regeln seit jeher als informelle oberste Autorität Konflikte in
ihrer Gemeinschaft und zwischen den Stämmen. Dann gibt es die Somaliländer, die
im Ausland an Geld und materielle Ressourcen gekommen sind. Sie kehren zunehmend aus der Diaspora zurück und sind
nun vor allem am wirtschaftlichen Vorankommen des Landes interessiert. Und
schließlich sind da die Scheichs als religiöse Führer. Sie haben über die Wahl geteilte
Ansichten. Für die Hardliner ist die Wahl grundsätzlich haram (verboten, mit
Tabu belegt). Weniger strenge Scheichs akzeptieren die Demokratie, solange der
Staat unter strenger Berücksichtigung der Scharia geführt wird.

“Ich habe zum dritten Mal gewählt”, erzählt Maryam, eine Frau Ende vierzig. “Einmal für die Unabhängigkeit von Somalia, bei den letzten
Kommunalwahlen und nun bei diesen Präsidentschaftswahlen. Wir arbeiten hart an
der Anerkennung. Mit ihr wird sich endlich etwas ändern”, hofft sie.

Frauen schreiben. In dieser Kolumne abends, um 10 nach 8, montags, mittwochs, freitags, politisch, poetisch, polemisch.

Wir, die Redaktion von 10 nach 8, sind ein vielseitiges und wandelbares Autorinnenkollektiv. Wir finden, dass unsere Gesellschaft mehr weibliche Stimmen in der Öffentlichkeit braucht. Wir denken, dass diese Stimmen divers sein sollten. Wir vertreten keine Ideologie und sind nicht einer Meinung. Aber wir halten Feminismus für wichtig, weil Gerechtigkeit in der Gesellschaft uns alle angeht. Wir möchten uns mit unseren LeserInnen austauschen. Und mit unseren Gastautorinnen.

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Die Redaktion von 10 nach 8 besteht aus:

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Mascha Jacobs, Journalistin, Herausgeberin der Zeitschrift Pop. Kultur und Kritik
Stefanie Lohaus, Journalistin, Herausgeberin des Missy Magazine
Lina Muzur, Programmleiterin des Aufbau-Verlags
Catherine Newmark, Kulturjournalistin
Annika Reich, Schriftstellerin
Elisabeth Wellershaus, Journalistin

Rund drei Millionen Menschen leben in Somaliland, am Horn von
Afrika. Es ist völkerrechtlich immer noch kein
anerkannter Staat. Die meisten Staaten, und auch die meisten NGOs,
erkennen nur die Regierung Somalias als Verhandlungspartner an, und nach Somalia
fließen fast alle Entwicklungshilfegelder. Trotzdem schaffen die Somaliländer
Schritt für Schritt Realitäten, die ihnen zunächst einmal Respekt einbringen.
Während der Bürgerkrieg in Somalia kein Ende nimmt, herrscht in Somaliland Frieden. In acht
Ländern hat Somaliland bereits diplomatische Vertretungen eröffnet, und acht
Länder, unter ihnen Großbritannien, Belgien, Kenia und das Nachbarland
Äthiopien, erkennen den somaliländischen Pass als offizielles Dokument an.
Somaliland wirbt in der Welt um die Anerkennung als eigenständiger Staat, und
die Bürger wissen, dass freie und faire Wahlen sie diesem Ziel näher bringen.